{"id":5294,"date":"2017-11-15T10:24:30","date_gmt":"2017-11-15T09:24:30","guid":{"rendered":"https:\/\/future-markets-magazine.com\/de\/?p=5294"},"modified":"2023-03-16T11:16:07","modified_gmt":"2023-03-16T10:16:07","slug":"evolution-einer-neuen-mobilitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/future-markets-magazine.com\/de\/innovators\/evolution-einer-neuen-mobilitaet\/","title":{"rendered":"Matthias Horx \u00fcber Evolution und Zukunft der Mobilit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Der Blick in die Zukunft ist immer von Unsicherheit gepr&auml;gt. &bdquo;Die Zukunft als Ganzes und im Detail kann man nat&uuml;rlich nicht voraussagen&ldquo;, meint Matthias Horx. &bdquo;Aber man kann Scheinwerferkegel in die Zukunft werfen.&ldquo; Horx gilt als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Nach einer Laufbahn als Journalist gr&uuml;ndete er zur Jahrtausendwende das &bdquo;Zukunftsinstitut&rdquo;, das zahlreiche Unternehmen und Institutionen ber&auml;t. Heute sieht er sein Lebensprojekt darin, die Futurologie der 60er und 70er Jahre zu einer Consulting-Disziplin f&uuml;r Unternehmen, Gesellschaft und Politik weiterzuentwickeln. Gerade bei der Betrachtung zuk&uuml;nftiger Technologien setzt er auf einen &bdquo;evolution&auml;ren&ldquo; Ansatz: Die Zukunft ist nicht das Ende einer geraden Linie, Altes wird nicht einfach durch Neues ersetzt. Vielmehr entwickeln sich menschliche F&auml;higkeiten und Bed&uuml;rfnisse und die Angebote der Technik gemeinsam weiter. Die Zukunft entsteht so in immer neuen Kombinationen und Re-Kombinationen, von denen einige sich durchsetzen, andere aber -verworfen werden. Unter diesem Aspekt warf das Zukunftsinstitut f&uuml;r den ADAC auch einen &bdquo;Schweinwerferkegel&ldquo; auf die Perspektiven der Mobilit&auml;t. Die Studie &bdquo;Die Evolution der Mobilit&auml;t&ldquo; schaut bis zum Jahr 2040 &ndash; und prognostiziert einen tiefgreifenden Wandel f&uuml;r die Mobilit&auml;t. Danach stehen wir am Beginn eines neuen multimobilen Zeitalters. Im Interview mit The Quintessence erz&auml;hlt Matthias Horx, was darunter zu verstehen ist und welche Rolle autonome Fahrzeuge dabei spielen.<\/p>\n<blockquote><p><i>&bdquo;Wenn man wirklich verstehen will, wie die Zukunft aussieht, muss man die Wechselwirkung von sozialen und technischen Prozessen verstehen.&ldquo;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p><b>The Quintessence: Sie betrachten in Ihrem Zukunftsinstitut vielf&auml;ltige Themen &ndash; erkennen Sie &uuml;bergreifende Trends?&nbsp;<\/b><\/p>\n<p><b>Matthias Horx:<\/b> Es gibt Modetrends, sozio&ouml;konomische Trends, Techniktrends und Megatrends, das sind die Langfristtreiber des Wandels wie etwa die Globalisierung oder die Urbanisierung. Und dann gibt es noch Metatrends, die langfristig die ganze Evolution antreiben. Herman Kahn, der ber&uuml;hmte Zukunftsforscher der 60er Jahre, hat einmal vom &bdquo;Langfristig Komplexen Trend&rdquo; gesprochen. Das ist vielleicht sogar das Evolutionsprinzip selbst, also eine Art Weltformel: Immer mehr Komplexit&auml;t. Wobei man Komplexit&auml;t nicht mit Kompliziertheit verwechseln darf!<\/p>\n<p><b>Welche Rolle spielen technologische&nbsp;Ent&shy;wicklungen bei Ihren Blicken in die Zukunft?<\/b><\/p>\n<p><b>M.<\/b><b>&#8197;<\/b><b>H.:<\/b> Technologie ist ein wichtiger Ver&auml;nderungsmotor, aber eben nicht der einzige. Wenn man wirklich verstehen will, wie die Zukunft aussieht, muss man die Wechselwirkung von sozialen und technischen Prozessen verstehen. Nicht alle Innovationen setzen sich am Markt durch. Momentan haben wir zum Beispiel einen Hype von Robotern, die immer menschen&auml;hnlicher aussehen. Ich prognostiziere: Das wird ein Flop. Wir sind zwar einerseits fasziniert von &bdquo;K&uuml;nstlichen Menschen&rdquo;, aber andererseits gruselt es uns auch davor. Das ist ein nat&uuml;rlicher Anti-Reflex. Und wird die Blech- und Plastikkameraden irgendwann zur&uuml;ck in die Labore schicken. Daf&uuml;r werden sie sich als Industrie&shy;roboter in den Fabriken &uuml;berall durchsetzen.<\/p>\n<blockquote><p><i>&bdquo;Ich vermute, dass wir erst <\/i><i>einmal 20, 30 Jahre <\/i><i>pilotiert fahren und die volle&nbsp;<\/i><i>Autonomie erst um 2040 oder 2050 einen echten Durchbruch erleben wird.&ldquo;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p><b>Wie wird die Mobilit&auml;t von morgen aussehen?<\/b><\/p>\n<p><b>M.&#8197;H.:<\/b> Generell wird Mobilit&auml;t sich entmaterialisieren und kulturisieren. Sie wird heute noch eher als funktionale Bewegung von A nach B wahrgenommen. Man f&auml;hrt &uuml;berwiegend, weil man &bdquo;Strecken&rdquo; zur&uuml;cklegen muss. Aber das &auml;ndert sich. Man kann Distanzen auch immer mehr mit virtuellen Techniken &uuml;berbr&uuml;cken, mit Telepr&auml;senz. Wir erleben andererseits auch ein neues Nomadentum, Menschen die immer unterwegs sind und daraus eine Lebensform gemacht haben. Mobilit&auml;t ist ein Lifestyle.<\/p>\n<p><b>Welche Rolle spie<\/b><b>len dabei autonome Fahrzeuge insgesamt &ndash;&shy;&shy; also auch Schiffe, Flugzeuge oder Bahnen?<\/b><\/p>\n<p><b>M.<\/b><b>&#8197;<\/b><b>H.:<\/b> Wir k&ouml;nnen davon ausgehen, dass es in allen diesen Bereichen autonomes Fahren geben wird, die Frage ist nur wann. Es k&ouml;nnte sein, dass Schiffe sich sogar besser f&uuml;r die Vollautomatik eignen als Autos. Beim Stra&szlig;enverkehr ist die Komplexit&auml;t eben doch gigantisch. Ich vermute, dass wir erst einmal 20, 30 Jahre pilotiert fahren und die volle Autonomie erst um 2040 oder 2050 einen echten Durchbruch erleben wird. Aber dann muss es schnell gehen, denn eine Mischsituation mit teilweisen Selbstfahrern, teilweisen autonomen Fahrzeugen ist systemisch unwahrscheinlich. Bis 2040 werden aber wohl schon die meisten Schienenfahrzeuge automatisch fahren, das ist technisch viel leichter.<\/p>\n<p><b>Gab es in der Studie &bdquo;Evolution der Mobilit&auml;t&ldquo;&shy; <\/b><b>Ergebnisse beziehungsweise Erkenntnisse, die Sie &uuml;berrascht haben?<\/b><\/p>\n<p><b>M.<\/b><b>&#8197;<\/b><b>H.:<\/b> Es war schon &uuml;berraschend, wie deutlich die Bereitschaft der Menschen zu einer anderen Mobilit&auml;t war. Die Menschen sind, was das Autofahren angeht, extrem gespalten. Einerseits gibt es immer noch 40 Prozent richtige Autofanatiker, f&uuml;r die das Autobesitzen eine undiskutierbare Identit&auml;tsfrage ist. Sozusagen die Taliban des Verbrennungsmotors. Andererseits sind die Vielautofahrer enorm durch die Staus genervt, und jetzt kommt auch noch die Dieseldebatte. Es gibt besonders in den St&auml;dten einen doch recht hohen Anteil von Leuten, die froh sind, kein Auto mehr zu besitzen &ndash; die das geradezu als Befreiung und Lebensqualit&auml;t begreifen.<\/p>\n<p><b>Haben Sie in der Studie nur den Stra&szlig;enverkehr betrachtet?<\/b><\/p>\n<p><b>M.&#8197;H.:<\/b> Das war nat&uuml;rlich ein Schwerpunkt, wobei es uns um ein ganzheitliches Verst&auml;ndnis von Mobilit&auml;tsprozessen geht. Stra&szlig;enverkehr ist ja heute noch weitgehend Autoverkehr. Das wird nicht so bleiben. Wir stehen vor der &bdquo;Kopenhagenisierung&rdquo; der St&auml;dte. Da spielen Autos nur noch eine Rolle am Rande, die Stra&szlig;e geh&ouml;rt dann Fu&szlig;g&auml;ngern, Radlern und fliegenden H&auml;ndlern &hellip;<\/p>\n<p><b>In dem Zusammenhang sprechen sie <\/b><b>auch von einer multimodalen Mobilit&auml;t. Was verstehen Sie darunter?<\/b><\/p>\n<p><b>M. H.:<\/b> Schlichtweg die nahtlose Verbindung von verschiedenen Verkehrsmitteln&shy;<br>\nbis zum Ziel, jederzeit einsetzbar und kombinierbar. Das Tolle am Auto ist ja, dass man von A nach B gelangen kann &ndash; mit Gep&auml;ck. Das geht in Zukunft auch ohne allzu gro&szlig;en Aufwand mit einer Kombination von, sagen wir &ndash; Elektroroller und Lastfahrrad und Zug und Drohne &hellip;<\/p>\n<p><b>Viele Analysten sehen den Zenit der AutomobilBranche in zehn bis 15 Jahren erreicht. Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht das Auto in 2040?<\/b><\/p>\n<p><b>M. H.:<\/b> Mit solchen Formulierungen w&auml;re ich vorsichtig. Denn einerseits ist die Autobranche schon jetzt an ihrem Zenit angelangt &ndash; so, wie sie heute ist, geht es nicht mehr weiter. Aber die Autobranche wird sich ja wandeln, sie wird mit der Energiebranche und der Computerbranche verschmelzen, und dann nennen wir sie vielleicht ganz anders &hellip;<\/p>\n<p><b>Wie werden sich autonome Fahrzeuge auf unser Leben auswirken?<\/b><\/p>\n<p><b>M. H.: <\/b>Wir tun viele Dinge im Auto, die wir fr&uuml;her im B&uuml;ro oder zu Hause getan haben. Schlafen, lieben, arbeiten &hellip; Allerdings ist das auch heikel, weil zum Beispiel unklar ist, ob das Autofahren nicht irgendwann zur Arbeitszeit dazugeh&ouml;rt. Weshalb viele Menschen das Autofahren ja lieben, ist, dass es eine gewisse Entspannungsqualit&auml;t hat, jedenfalls wenn der Verkehr flie&szlig;t. Man kann sitzen und Musik h&ouml;ren, als Mitfahrer d&ouml;sen, befindet sich also in einer sehr unterkomplexen Intensit&auml;t der Handlung. Das wird von vielen Menschen als Erholung und Autonomie wahrgenommen. Das selbstfahrende Auto k&ouml;nnte das abschaffen, und deshalb sind viele Menschen instinktiv dagegen. Ein anderer Teil mag das Autonom-Auto nicht, weil es die Aggressivit&auml;t des Autofahrens zerst&ouml;rt. Man kann nicht mehr steuern und rasen, und das Lichthupen auf der Autobahn ist vorbei. Wohin dann mit der ganzen inneren Wut?<\/p>\n<p><b>Aber werden uns autonome Fahrzeuge nicht auch mehr Freiheiten erm&ouml;glichen?<\/b><\/p>\n<p><b>M. H.: <\/b>Die Freiheit, nicht mehr ganze Jahre seines Lebens mit dem Steuern und Bedienen eines Automobils zu verbringen, w&auml;re eigentlich eine gro&szlig;e Befreiung. Allerdings h&auml;tte man das auch mit dem Zug, und viele Menschen lieben ihren Sklavenstatus, so wie ja auch viele Menschen es sogar zu genie&szlig;en scheinen, im Auftrag der Firma Ikea selbst M&ouml;bel zu bauen. Wir sind eigentlich ganz gern abh&auml;ngig von Technologie, die Freiheit ist da wohl zweitrangig.&shy; Sonst w&uuml;rden die Menschen diese bizarren Stauerfahr&shy;ungen&shy; wohl nicht hinnehmen.<\/p>\n<p><b>Hand aufs Herz. Welche Entwicklungen ha<\/b><b>ben Sie pers&ouml;nlich am meisten &uuml;berrascht, weil Sie diese so gar nicht erwartet hatten?<\/b><\/p>\n<p><b>M. H.: <\/b>Trump.<\/p>\n<p><b>Eines Ihrer B&uuml;cher hei&szlig;t &bdquo;Anleitung zum Zukunftsoptimismus&ldquo;. Warum sollten wir <\/b><b>opti<\/b><b>mistischer in die Zukunft blicken?<\/b><\/p>\n<p><b>M. H.: <\/b>Optimismus ist an sich ziemlich bl&ouml;de, weil meistens blau&auml;ugig. Die Kl&uuml;geren unserer Vorfahren waren keine Optimisten, sonst w&auml;ren sie vor dem Alter tot gewesen, in dem sie sich fortpflanzen konnten. Ich bin Possibilist. Ich denke in M&ouml;glichkeiten und w&auml;hle die besseren als die Zukunftsperspektiven, die wir anstreben sollten.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"text-decoration: underline;\">Mobilit&auml;t 2040: digital organisiert und individuell vernetzt<\/span><\/p>\n<p>&bdquo;Die Herausforderungen f&uuml;r die Mobilit&auml;t der Zukunft liegen in der individuellen, intelligenten Vernetzung&ldquo;, so ADAC-Pr&auml;sident Dr. August Markl anl&auml;sslich der Vorstellung der vom Zukunftsinstitut erstellten Studie &bdquo;Die Evolution der Mobilit&auml;t&ldquo;. &bdquo;Unsere Mobilit&auml;tsmuster werden vielschichtiger und komplexer. Uns steht dabei keine disruptive Mobilit&auml;tswende bevor, sondern eine evolution&auml;re Entwicklung und Ver&auml;nderung, die umso tiefgreifender und grundlegender sein wird.&ldquo;<\/p>\n<p>Das Bed&uuml;rfnis nach Sicherheit, Gesundheit, intakter Umwelt und allgemeiner Lebensqualit&auml;t wird in den kommenden Jahrzehnten weiter an Bedeutung gewinnen, so die Zukunftsstudie. Die Digitalisierung wird zur zentralen Grundlage der Mobilit&auml;t von morgen. Bei steigendem Mobilit&auml;tsbedarf rechnen die Zukunftsforscher bis zum Jahr 2040 auch mit Ver&auml;nderungen bei der bisherigen Autonutzung. Erwartet wird eine viel st&auml;rkere Vernetzung verschiedener Verkehrstr&auml;ger bei der individuellen Fortbewegung. &Ouml;PNV und Sharing-Angebote werden &uuml;ber digitale Plattformen integriert.<\/p>\n<p>Auch die Entwicklung neuer Lebensstile, bedingt unter anderem durch eine ver&auml;nderte Arbeitsweise oder die zunehmende Lebensdauer, wirken sich langfristig auf individuelle Mobilit&auml;tsmuster aus. Die Forscher rechnen bis 2040 mit vielf&auml;ltigen Typen und Auspr&auml;gungen pers&ouml;nlicher Mobilit&auml;t. Diese reichen von informationstechnisch versierten &bdquo;Mobile Innovators&ldquo; bis hin zu &bdquo;Silver Movern&ldquo;, der anspruchsvollen Gruppe der Mobilen &uuml;ber 75-J&auml;hrigen.<\/p>\n<p>Die komplette Studie &bdquo;Die Evolution der Mobilit&auml;t&ldquo; steht unter <i>www.mobilitaet-2040.de<\/i> zur Verf&uuml;gung.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Blick in die Zukunft ist immer von Unsicherheit gepr\u00e4gt. \u201eDie Zukunft als Ganzes 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